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✓ Urlaub

Mal angenommen, Sie wollen in Ihren wohlverdienten Urlaub. Mit Ihrer Frau. Oder mit Ihrem Mann. Oder mit Ihrer Freundin. Oder mit Ihrem Freund. Jedenfalls zu Zweit. Oder auch zu Dritt. Oder zu Viert.
Dieses Mal soll es mal was Außergewöhnliches sein. Wo nicht jeder hinfährt. Weder an die Adria, Cattólica oder so. Oder nach Mallorca, Santa Ponsa oder so. Oder an die Côte d’Azur, le Lavandou oder so. Nein, Ihr nächster Urlaub findet auf den Seychellen statt, mit Tauchen oder Surfen oder ähnlichem. Oder auf den Kapverdischen Inseln, mit Segeln oder Trekking oder ähnlichem. Oder in der Karibik, mit Hochseefischen oder Wellenreiten oder ähnlichem.
Jedenfalls da, wo man die blöden Lehmanns von nebenan nicht schon wieder zufällig am Strand von Cattólica trifft (die müssen auch immer da hin, wo alle hinfahren!). Oder wo man dem Briefträger mit Familie in der Hotelbar im Plaza von Santa Ponsa über den Weg läuft (dass die sich das überhaupt leisten können?). Oder wo man den Schnösel von Huber mit seiner nervenden Frau aus dem Tennisclub beim Beachball in le Lavandou entdeckt (im Verein schwingt er immer nur große Töne, aber hier ist er aktiv dabei!).
Dieses Mal wollen Sie also auf Nummer sicher gehen. Nicht schon wieder jemand Bekanntes beim Shopping oder am Buffet oder mit Cuba libre sehen. Also Seychellen. Oder Kapverden. Oder Bahamas. Wie gesagt, mal was Außergewöhnliches. Kostet ja auch ein bisschen mehr. Und wieder daheim, können Sie damit auch ein bisschen mehr auftrumpfen. Oder Neid wecken. Oder angeben. Oder so.
Endlich geht’s dann los. An einem Montag oder Mittwoch oder Donnerstag fahren Sie endlich zum Flughafen. Zwei oder drei Wochen nichts wie weg.
Und jetzt mal angenommen, Sie sind am Flughafen. Und stehen in der Abfertigungshalle zum Einchecken. Vor Ihnen eine endlose Schlange. Oder Sie stehen vor der Passkontrolle. Vor Ihnen ebenfalls ein Haufen Leute. Oder Sie stehen kurz vor dem Abflug am Terminal und warten auf den Zubringerbus zum Flugzeug. Vor Ihnen wieder eine Anzahl Reisender, die Angst haben, dass sie ihren Platz im Flieger nicht kriegen.
Ja, und wen sehen Sie fünf Reihen vor sich beim Einchecken? Oder zehn Meter vor Ihnen beim Vorzeigen des Ausweises? Oder beim Einsteigen in den Flughafenbus? Richtig! Den Gemüsefritzen von samstags auf dem Markt mit Kind und Kegel. Oder die Waltenbergers aus dem dritten Stock gegenüber. Oder den Hellmann aus der Kreditorenabteilung nebst Gattin.
Was tun? Oder was nicht tun? So tun, als ob man sie nicht sieht? Oder hingehen und jovial auf die Schulter klopfen, ach, Sie auch hier? Oder langsam im Erdboden versinken und von Cattólica oder von Santa Ponsa oder von le Lavandou träumen?
Bringt alles nichts. Gehen Sie einfach hin, Mensch, so’n Zufall, Sie hier zu treffen. Auch auf die Seychellen? Oder Kapverden? Oder Bahamas? Wir haben grad noch das letzte Last-Minute-Angebot erwischt. Glatt ‘n Tausender pro Kopf gespart. Toll was? Und Sie?…
Denn damit können Sie so richtig auftrumpfen. Oder Neid wecken. Oder angeben. Oder so.

23. Mai 2013 von Bernd Lange
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