Vor-Sprache

✓ Umsteiger

Mal angenommen, Sie wollen umsteigen. Zum Beispiel auf dem Weg zu Ihrer Arbeit. Sie fahren jetzt mit dem Omnibus. Oder mit der Straßenbahn. Oder mit der U- oder S-Bahn. Kurz: Mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Ihr Auto bleibt derweil morgens in der Garage. Oder vor der Haustüre.
Sie wollen also umsteigen. Weil Ihre Frau oder Ihr Mann Sie davon überzeugt hat, dass das Auto tagsüber von ihr oder von ihm wesentlich effektiver genutzt werden kann – von wegen zum Einkaufen oder zum Friseur oder zur Sauna oder zum Tennisplatz. Oder weil Ihr Sohn oder Ihre Tochter gerade in der Schule den entsprechenden Unterricht zum Thema Ökologie haben – von wegen Umwelt schonen oder so. Oder weil Ihre Schwiegermutter oder Ihr Schwiegervater Ihnen die Fahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln schmackhaft gemacht haben – von wegen immer Sitz- oder Fensterplatz und nie im Stau. Oder weil Ihnen Ihr Chef oder Ihre Chefin einen städtisch geförderten Zuschuss zum Fahrgeld geben will – von wegen morgens bereits die Zeitung während der Fahrt lesen und nicht erst im Büro womöglich noch während der Arbeitszeit. Oder weil Ihnen Ihr Hausarzt oder Ihre Hausärztin eine geänderte Lebensweise nahelegt – von wegen mehr Bewegung, zu Fuß von der Wohnung zur Haltestelle, ein- bis zweimal umsteigen, von der Haltestelle zum Arbeitsplatz; jeden Morgen montags bis freitags, abends das gleiche zurück, wäre ja schon mal ein Anfang. Und außerdem darf in öffentlichen Verkehrsmitteln nicht geraucht werden. Alles berechtigte Gründe, oder?
Sie sind also jetzt umgestiegen. Heute ist Ihr erster Tag, an dem Sie mit Omnibus oder Straßenbahn oder U- oder S-Bahn frühmorgens zu Ihrem Arbeitsplatz fahren. Weil Sie vor den permanent unterschwelligen Äußerungen Ihrer Frau oder Ihres Mannes endlich Ruhe haben wollen. Oder weil Sie das ewige Nörgeln Ihres Sohnes oder Ihrer Tochter nicht mehr hören können. Oder weil Sie das ständige Einwirken Ihrer Schwiegermutter oder Ihres Schwiegervaters jeden Sonntag bei Kaffee und Kuchen satt haben. Oder weil Ihnen das dauernde Gemecker Ihres Chefs oder Ihrer Chefin langsam aber sicher auf den Keks geht. Oder weil Ihnen die ständig wiederkehrenden Mahnungen Ihres Hausarztes oder Ihrer Hausärztin zunehmend ein schlechtes Gewissen unterbreiten.
Sie verlassen also heute morgen Ihre Wohnung und gehen erstmals in Richtung Haltestelle. Ein bisschen dumm ist, dass Sie ausgerechnet heute – weil Montag ist – die vier Ordner von der mitgenommenen Wochenendarbeit wieder ins Büro schleppen müssen. UmsteigerEin bisschen dumm ist auch, dass es ausgerechnet heute – weil Aprilwetter ist – aus Eimern schüttet und der saure Regen auf dem Weg zur Haltestelle ständig ins Gesicht peitscht oder ans Hosenbein spritzt. Ein bisschen dumm ist außerdem, dass ausgerechnet um diese Zeit – weil Rushhour ist – alle Fenster- oder Sitzplätze in dem von Ihnen benutzten Verkehrsmittel gnadenlos besetzt sind. Ein bisschen dumm ist darüber hinaus, dass es ausgerechnet jetzt – weil es wie gesagt aus Kübeln schüttet – auf den ausgewiesenen Stehplätzen so verdammt eng zugeht, dass noch nicht einmal eine Zeitung im Postkartenformat gelesen werden könnte. Und ein bisschen dumm ist letztlich auch, dass – weil in öffentlichen Verkehrsmitteln ein feuchtnasses Kalt-/Warmklima vorherrscht – Millionen von rausgeniesten oder rausgehusteten oder rausgeschneuzten oder raustranspirierten Bazillen entsprechend neue Landeplätze suchen und finden. So gesehen läuft der erste Tag Ihres Umsteigens insgesamt ein bisschen dumm. Quasi dumm gelaufen, denken Sie niesend oder hustend oder schneuzend oder transpirierend den ganzen Tag über.
Abends fahren Sie dann wieder heim. Mit dem Taxi. Von wegen effektiv. Von wegen umweltfreundlich. Von wegen staufrei. Von wegen kostengünstig. Von wegen stressfrei.
Von wegen umsteigen. Umfaller sind Sie.

18. März 2013 von Bernd Lange
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