Vor-Sprache

© Nach den ‘Südseiten’ geht’s weiter in Richtung ‘nordostsüdwestwärts’

 

In meinem neuen Buch “nordostsüdwestwärts“ erzähle ich über Begegnungen, Beobachtungen, Berührungen, die ich auf meinen Reisen, auf meinen Wegen in Länder, Städte und Orte, die ich auf meinen Schritten in Höfe, Häuser und Herbergen erlebt habe.

Es sind Geschichten aus aller Damen und Herren Länder, wohin es mich geführt hat – auf Inseln, an Flüsse, über Berge, durch Landschaften, zu Stätten der Vergangenheit und Gegenwart. Mal heiter und offen, mal melancholisch und tiefsinnig, mal ironisch und polternd … doch immer mit dem Blick auf das Gesehene, das Gefühlte, das Gespürte. Wo es mich auch immer hinzieht, überschreite ich mit meinen Erzählungen Horizonte, die auf dem schmalen Trennungsfaden zwischen erlebtem Bild und geschriebenen Wort miteinander tanzen.

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Mit einer Leseprobe aus der Erzählung “Göttliches Spiel” kommt sowohl der Anfang einer Geschichte als auch ein Rückblick in die Geschichte zu Wort.

» Das langgezogene Sirren der Schwalben strahlt eine beklemmende Unbeschwertheit aus. Sehr tief fliegen sie, auch in dieser geringen Höhe noch in virtuosen Flugbahnen, vorbei an Schmetterlingen, die wie unruhige Botschafter im warmen Wind taumeln. Der Sonne bleibt keine andere Wahl, kein Baum in der Nähe, der ihre Hitze, die aus einem sauber geputzten Himmel wabert, auffängt. Irgendwann, noch heute, wird sich die Atmosphäre entladen. Der Fremde bleibt stehen, auf dem Weg, der an dem alten Haus vorbeiführt. Hier und da sind die roten Klinkersteine schon verblasst, ein Fensterladen findet keinen richtigen Halt mehr an der Hauswand, von der linken Fassade schaut schon neugierig der Efeu um die Ecke, dem Dach sieht man die schweren Lasten an, die es Winter für Winter tragen musste. Nachdenklich schaut der Fremde auf das Gebäude. Früher war es ein zentraler Umschlagplatz der nicht ganz so stillen Gedanken und der ausgesprochenen Erlebnisse; heute sieht das Haus, obwohl es immer noch fast den Mittelpunkt des Ortes bildet, einsam, leblos aus. Stehen geblieben und vergessen.
Es war der Bahnhof von Teisingen, früher wie heute ein Dorf in einem der weitgezogenen Täler inmitten der Alb. Damals, als es die Bahnlinie noch gab, war hier die Anfangs- und Endstation für Personenzüge, die die Dorfbewohner sechsmal am Tag in die größere Kreisstadt brachten und wieder zurück in ihre heimatliche Umgebung. Später am Tag wird der Fremde erfahren, dass heute an Wochentagen dreimal noch der Bus kommt, sonntags geht gar nichts. Und er hört, dass irgendwann, nachdem die Bahnstrecke schon lange stillgelegt war, der Bahnhof zum Wohnhaus umgebaut wurde. Der zu diesem Zeitpunkt bereits pensionierte Stationsvorsteher, gleichzeitig auch Schrankenwärter und Fahrkartenausgeber, damals immer eine Autoritätsperson in seinem blauen Dienstanzug und der tief über die Stirn gezogenen Schirmmütze, zog mit seiner Frau dort ein. Magdalena Schumacher, inzwischen weit über 80, lebt jetzt alleine dort …
Die alte Frau beobachtet verängstigt den fremden Mann. Er sieht sie mit neugierigem Blick am Fenster stehen, hinter der Gardine, die sie, um überhaupt was zu sehen, ein Stück zur Seite schieben muss. Dass er ein Fremder ist, so glaubt er, wird sie erkannt haben, in seinem hellbraunen Anzug aus Leinen, mit seinem breitkrempigen Sommerhut und dem braun gebrannten Gesicht hinter einem grau melierten Stoppelbart. Vermutungen von ihm – mag sein, dass ihre Augen trotz ihrer Brille schon zu schwach sind, um ihn noch deutlich zu sehen. Der Unbekannte steht vor dem verwitterten, stumpfen und zum Boden hin bereits an mehreren Stellen morschen Lattenzaun, der den etwas ungepflegten Gemüsegarten vor dem früheren Bahnhofsgebäude vom asphaltierten Weg trennt. Klatschmohn dazwischen, denkt er, als hätte er nur auf mich gewartet. Genau hier war es, dass er als Jugendlicher seinen Fuß das letzte Mal an dieser Stelle, seiner Heimaterde gestellt hat. Der Weg, heute Radfernwanderweg zwischen Ost- und Bodensee, war damals das Bahngleis, auf dem der Zug stand, der in die Stadt fuhr. Der Garten war der Bahnsteig, auf dem vor dem Dienstraum, in dem jetzt die alte Frau hinter ihrer Gardine verschüchtert hervorschaut, der Stationsvorsteher mit einem lauten Pfeifen und erhobener Kelle den Zug und damit auch ihn auf die Reise schickte. Der Zug kam nach etwa zweieinhalb Stunden wieder zurück, er brauchte 46 Jahre. Exakt an seinem 18. Geburtstag, ein halbes Jahr vor seinem Abitur, morgens um 5 Uhr 52, verließ Adam Haussler sein Elternhaus, seinen Geburtsort Teisingen …
Es war der Beginn einer Reise ins Ungewisse. Bis Hamburg schlug er sich als Anhalter durch, zielstrebig trieb es ihn zum Überseehafen, Frachtschiffe nahmen ihn im Laufe der Jahre mit über alle sieben Weltmeere, führten ihn in viele fremde Länder, bis er dann endgültig in Ecuador landete. Er korrigiert sich in seinen Gedanken, bis er dort strandete. Adam dreht sich wieder zur Seite, seine Schritte den Radweg entlang sind schwer. Was geht im Kopf der Frau am Fenster vor, fragt er sich, ist sie erleichtert, dass er jetzt weitergeht, oder ist sie enttäuscht, dass es nun nichts weiter mehr zu sehen gibt? Sein Weg führt ihn, vorbei am damaligen Bahnübergang, zum richtigen Dorfmittelpunkt, der Kirche. Direkter, zum Friedhof, mattherzig sucht er das Grab seiner Eltern. Er kann nicht daran glauben, dass sie noch leben. Eine Nachricht vom Tode allerdings hat ihn nie erreicht, wie auch, keiner wusste ja je, ob, und wenn, wo er lebte. Die Erinnerungen an sein Elternhaus endeten mit dem Tag seines 18. Geburtstages …  «

Aus “Göttliches Spiel” in “nordostsüdwestwärts – siebzehn Geschichten aus aller Damen und Herren Länder”, 156 S., ISBN 9-783-7347-9484-1.
Erhältlich in jeder Lieblings-Buchhandlung. Oder auch hier.

24. Mai 2015 von Bernd Lange
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