Vor-Sprache

✓ Gleichgewicht

Mal angenommen, wenn Ihr Ehemann abends von der Arbeit heimkommt und Sie ihn als Hausfrau oder wenn Ihre Ehefrau abends von der Arbeit heimkommt und Sie sie als Hausmann bereits freudestrahlend erwarten, weil es ja ein schöner Abend werden soll, dann hören Sie von ihm oder ihr als Begrüßung so was wie: ’Mein Gott, geht’s Dir gut. Den ganzen Tag nur Ruhe: keinen Stress oder keine Hektik oder keinen Druck oder kein Gemecker oder keinen Ärger wie bei mir im Büro.’ Ach, geht’s uns Hausfrauen oder uns Hausmännern doch gut!
Den ganzen Tag über: Morgens zum Beispiel keinen Stress, um nicht zu spät zu kommen. Oder vormittags zum Beispiel keine Hektik, weil das und das noch fertig sein muss. Oder mittags zum Beispiel keinen Druck, weil das und das immer noch nicht fertig ist. Oder nachmittags zum Beispiel kein Gemecker, weil das und das noch fehlt. Oder gegen Abend dann zum Beispiel keinen Ärger, wieder nicht pünktlich rauszukommen. Wie gesagt, uns Hausfrauen oder uns Hausmännern geht’s einfach nur gut!
Morgens – wenn Ihr Sohn oder Ihre Tochter so langsam Richtung Schule unterwegs ist und Sie Ihren zweiten Sohn oder Ihre zweite Tochter zum Kindergarten schleppen… Oder vormittags – wenn Sie Abwechslung beim Hausputz haben vom Briefträger, der ein Einschreiben hat, oder von der Nachbarin oder vom Nachbarn, die oder der wieder mal keinen Zucker hat, oder von dem Mann der Technischen Werke, der mitteilt, dass es für die nächste Stunde keinen Strom oder kein Wasser gibt, oder vom Telefon, weil Ihre Mutter oder Schwiegermutter einfach nur wissen möchte, ob es Ihnen auch wirklich gutgeht… Oder mittags – wenn Ihr Sohn oder Ihre Tochter aus der Schule oder aus dem Kindergarten nach Hause kommt, einen Bärenhunger hat und aufs Essen wartet, oder wenn Ihr Sohn oder Ihre Tochter gleich bei den scheiß Hausaufgaben nicht weiterkommt und Sie helfen müssen, oder Ihr Sohn oder Ihre Tochter, der oder die zweite, mit Ihnen spielen will, weil er oder sie im Kindergarten ein neues geiles Spiel gemacht haben und gleich ausprobieren möchten…
Oder nachmittags – wenn Ihr Sohn oder Ihre Tochter da- oder dorthin will, also raus will, aber die Schulaufgaben noch nicht gemacht sind, oder sein oder ihr Zimmer noch nicht aufgeräumt ist, oder der Mülleimer nach der zehnten Aufforderung immer noch nicht geleert ist… Oder gegen Abend dann – wenn Sie beim Einkaufen die leeren Flaschen vergessen haben, oder den Einkaufszettel nicht mehr finden, oder es die Lieblingswurst Ihres Ehemannes oder Ihrer Ehefrau nicht mehr gibt, oder Sie an der Kasse vier Rentnerinnen oder vier Rentner vor sich haben, die ja alle so viel Zeit haben beim Bezahlen…
Dann sitzen Sie endlich, kurz bevor Ihr Ehemann oder Ihre Ehefrau von der Arbeit heimkommt, auf dem Sofa. Bei einer Zigarette oder einem Glas Tee oder einer Tasse Kaffee oder einem Blick in die Zeitung. Und dann steht Ihr Ehemann oder Ihre Ehefrau in der Türe, sieht Sie mit der Zigarette oder dem Glas Tee oder der Tasse Kaffee oder der Zeitung auf dem Sofa sitzen.
Sie freuen sich, dass Sie jetzt nur für ihn oder für sie da sind, sagen sich, alles geschafft, gutgegangen. Und dann sagt er oder sie zu Ihnen, mein Gott, Dir geht’s ja richtig gut.
Kommt richtig gut, oder?

04. Februar 2013 von Bernd Lange
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