Vor-Sprache

✓ Gassi

Mal angenommen, Sie haben einen Hund. Oder Sie haben keinen Hund. Oder Sie haben eine Katze. Oder einen Vogel – einen im Käfig natürlich, als Wellensittich. Oder als Kanarienvogel. Was für ein Haustier auch immer an Ihrer Seite lebt oder nicht lebt, ist eigentlich egal – es trifft alle gleich.
Und jetzt mal angenommen, es ist Sonntag, Sie liegen im Bett und wollen zum Beispiel ausschlafen. Sie wohnen in einer Gegend, in der Sie von Montag bis Samstag dem üblichen Lärmpegel ausgesetzt sind. Beispielsweise durch startende Autos. Oder durch knallende Türen. Oder durch knarrende Rolläden. Oder durch scheppernde Schlüssel. Oder durch zuschlagende Mülltonnen. Oder durch bellende Hunde. Es ließe sich beliebig erweitern. Die Geräusche stören Sie ja auch nicht weiter. Denn auch Sie müssen zu der Zeit, in der diese startenden Autos oder diese knallenden Türen oder diese knarrenden Rollläden oder diese scheppernden Schlüssel oder diese zuschlagenden Mülltonnen oder diese bellenden Hunde oder sonstige beliebig zu erweiternde morgendliche Lärmquellen beginnen lästig zu werden, ebenfalls aufstehen. Im Zweifelsfalle nehmen Sie dies gar nicht mehr so richtig wahr, weil’s Ihnen sowieso stinkt, aufzustehen. Und Sie wegen des Lärms bereits so verärgert sind, dass Sie gar nicht mehr hinhören.
Ganz anders sieht das am Sonntag aus. Wie gesagt, Sie liegen im Bett und wollen ausschlafen. Keine startenden Autos. Und keine knallenden Türen. Und keine knarrenden Rollläden. Und keine scheppernden Schlüssel. Und keine zuschlagenden Mülltonnen. Es herrscht Ruhe. Denken Sie. Vielmehr träumen Sie.
Oder träumen Sie immer noch davon? Weil zur gleichen Zeit, in der Montag bis Samstag die Autos oder die Türen oder die Rollläden oder die Schlüssel oder die Mülltonnen beginnen lästig zu werden – Sie haben es schon erraten – die Hunde trotzdem bellen. Weil die nämlich keinen Sonntag haben. Die männlichen oder weiblichen Herrchen oder Frauchen natürlich auch nicht. Das stinkt denen gewaltig, am Sonntag Gassi zu gehen, während die anderen noch schlafen können. Und dementsprechend geht’s dem Hund auch nicht besser. Kurz: Er muss leiden, weil seine innere Uhr ihn auch am Sonntag an seine Bedürfnisse erinnert. Das erinnert wiederum seine männlichen oder weiblichen Herrchen oder Frauchen daran, seinen Bedürfnissen – denen des Hundes – auch am Sonntag zur gleichen Zeit wie Montag bis Samstag gerecht zu werden. Und weil die männlichen oder weiblichen Herrchen oder Frauchen schon nicht schlafen dürfen am Sonntag, trifft es alle gleich. Auch die ohne Haustier.
Es wäre ja noch schöner, wenn der Sonntag zum Beispiel zum Ausschlafen wäre. Egal, ob mit oder ohne Hund. Oder?

14. Mai 2013 von Bernd Lange
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