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Südseiten

Fünfzehn Begegnungen – ein Porträt
Bernd Lange lebt seit 1994 im Stuttgarter Süden. Bei seinen Streifzügen durchs Quartier trifft er immer wieder auf Begegnungen, die ihm so viele Bilder entwerfen, wenn er die Muße findet, aufmerksam hinzuschauen und hinzuhören. Es sind Begegnungen, die ihm im Stuttgarter Süden über den Weg gelaufen sind; die er erlebt hat, weil er beim Laufen darüber gestolpert ist:
“Wer offen ist für das, was ihm begegnet, geht auch mit offenen Augen durch sein Leben. Er wird zum Menschen, der beobachtet. Beobachten – in diesem Wort steckt beachten, achten, achtsam sein. Wer sich darauf einlässt, dass Beobachten seinem eigenen Wahrnehmen unterliegt, wird erkennen, Klischees welken schneller als das Laub der Bäume. Es entsteht ein Dasein und Sosein der Dinge, ohne sich allein an der Realität orientieren zu wollen. Das eigene Wahrnehmen wird zum Spiegelbild, was wir im Verborgenen sehen, hören, fühlen, empfinden.”

 

Auszug der Begegnung “Kleine Straßen-Fluchten”
… Das Glück?! Es war zum Greifen nah, an jenen ersten Frühlingstagen. Ich konnte es greifen, in der Hand halten. Das glücklichste Glück brauchte nicht viel zu meinem Glücklichsein: eine kurze Hose, trotz der kratzenden Kniestrümpfe, die laut Mutter dazugehörten. So leicht war das. Großvaters und Großmutters Schrebergarten, am Rande der großen Stadt, damals. Mit dem Holzhäuschen mittendrin, mehr ein Schuppen, in dem die Gartengeräte sauber sortiert aufgestellt, angehängt, abgelegt waren. Und vor dem Schuppen stand sie, die blaue Bank, die blassblaue Bank, die, wenn die Sonne darauf schien, mehr Farbe annahm. Das Bild, jetzt ganz deutlich wieder vor Augen: Großvater auf der Bank, mit verschränkten Armen, seine Pfeife im Mund stieß kleine Rauchwölkchen in die Luft, Käfer wanderten über seine ausgestreckten Beine, über seine klobigen Gartenstiefel. Großmutter links neben ihm, in ihrer Küchenschürze, die sie auch im Garten trug, immer, sie die Stopfnadel in der einen Hand, in der anderen Großvaters Strümpfe, einem nach dem anderen zieht sie derbe Fäden durch, stopft die Löcher, wo Opas vorwitzige Zehen aus der Wolle guckten, wenn er sie anhatte. Und ich? Ich auf der Schaukel, ein schmales Brett, zwei Seile, oben am dicksten Ast des Apfelbaumes verknotet – mehr brauchte es nicht, um glücklich zu sein. Doch, eines noch: kurze Hose und Kniestrümpfe. Die Beine um die Knie frei, der Luftwind beim Schaukeln strich über die Haut, leichte Gänsehaut, noch hell wie Wachs, noch glatt wie Porzellan. Nicht lange, dann kamen die Sommersprossen bei mir, auch an den Beinen; und die blauen Flecken, die Schürfwunden, aufgeschlagene Knie, die an der Tagesordnung waren. …

Die gesamten 36.107 Worte in den Südseiten gibt es unter
ISBN 978-3-73-573912-4 in allen Buchhandlungen. Oder hier.

13. Juni 2014 von Bernd Lange
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